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Fasnachtschüechli Education

In Luzern nennt man sie Chnöi Blätze – Knie Plätzchen, in Basel Fasnachtschüechli – Karnevals Kuchen. Die Tessiner nennen das Gebäck Chiacchere – Geschwätz. Die Westschweizer sagen Merveilles – kleine Wunder.

50 Millionen Stück pro Jahr werden allein in der Schweiz vertilgt. In Paraguay, an Demonstrationen, isst man sie gerne mit Salz. Hierzulande werden sie mit Puderzucker bestäubt und von Januar bis März genossen. Industriell gebacken werden die süssen Happen mit Infrarot, um den Fettaufwand zu dezimieren. Jeder kennt es, das beliebte Fettgebäck. Aber keiner kann es selber machen.

Die Internationale Gastronautische Gesellschaft hat sich dieser mittelalterlichen Tradition angenommen und am Basler Fasnachtsdienstag 2013, rund 0,0004 Promille des Landeskonsums, öffentlich und in Handarbeit an der Kaserne selber hergestellt. Auf dass die Menschheit wieder wisse, wie das schmeckt.

Bon Appetit.

 

Ein kurzer Abriss des Tages:

Es ist vier Uhr Nachmittags und der Rollo des Keck Kiosk öffnet sich mit Gedröhne. Eine Frittöse verströmt währschafte Gerüche von frittiertem Ei und Mehl. Zuckerstaub liegt in der Luft. Tradition pulsiert in der Stadt: Augen strahlen und Gelächter schallt durch die Strassen.

Drei junge Gastronauten sitzen beim Kiosk an der Kaserne, mit geblümten Küchentüchern über dem Knie und ziehen einen elastischen Teig zu dünnen, runden Fladen: Menschen bleiben stehen und schauen interessiert dem Vorgang zu. Erinnerungen an Grossmütter werden geweckt, wie sie damals vor dem Kachelofen sassen und das gleiche Taten. – Wie Weidenkörbe mit diesem Knuspergebäck gefüllt wurden, welches damals so ganz anders schmeckte: noch so richtig nach Ei.

“Ein Ritual war das damals! Meine Mutter war den ganzen Morgen nervös ob es gelingt. Dann kamen die Nachbarn, samt Kindern und die Tanten. Und man sass den ganzen Nachmittag beisammen und hat den Teig hauchdünn übers Knie gezogen. Und geschwatzt hat man. Geschwatzt und wir Kinder haben gespielt. Nach Ostern schrieb man sich dann Karten, dass die Küchlein noch nie so gut gelungen seien wie in diesem Jahr.

Ja, ein Ritual war das,” erzählt uns Gritli, die sich mit dem Handrücken begeistert den Zuckerstaub von den Lippen wischt.” das mit der Einladung zum Backen begann und erst mit dem Verzehr des letzten Stücks endete.”

Wir erfahren von Gritli, dass auch ihr solche Kochrituale ein Anliegen sind: Um das zu fördern hat sie sich sogar eigens von Ihrem Enkel bei der Herstellung in Ihrem Haus Filmen lassen. Das Video sei jetzt auf YouTube. Gritli allerdings war da noch nie. Aber ihr Enkel erzählt ihr bei jedem Besuch, wieviele Leute das Video jetzt schon gesehen hätten.

Ein ritualisiertes Kochereignis wie das zubereiten von Vorfasnächtlichem Fettgebäck hat lange Tradition. Von Nonnen entwickelt,  diente es im Christentum dazu die Fettreserven mit einem Schlag aufzubrauchen, um so die Versuchung zu verringern, sich während der Fastenzeit am Schweineschmalz zu vergehen.

Dass die Spezialität in Paraguay an Demonstrationen zubereitet wird hat einen ganz ähnlichen Grund, erzählt uns ein junger Lateinamerikaner: Fett sei eher etwas Teueres. Jenes an Demonstrationen meistens geklaut von Fastfoodketten wie McDonalds, dessen Fritten sich die Armen nur selten leisten können. So sei dann das Fritieren dieser Mehlplätzchen ein Zeichen, dass sich ein bisschen anfühlt wie das Verbrennen von Geld der Reichen. Nur dass natürlich niemand Geld verbrennen würde, da würden sich die Demonstranten wohl lieber drum Prügeln. Aber zusammen das Fett wegfrittieren, das verbinde und mache allen Spass.

Richtig emotional wurde eine etwa 40-jährige Dame: Mindestens drei Stunden hat sie mit grossem Nachdruck alle uninteressierten Passanten darauf hingewiesen, wie einmalig dieser Event doch sei. Ob sie denn glauben, dass sie in der heutigen Zeit, in ihrem Leben noch einmal die Möglichkeit bekämen, selber ein Fasnachtschüechli herzustellen? Ob sie sich damit begnügen wollen, die restlichen Jahre ihres Lebens einfach zu essen was ihnen die Grossverteiler servieren, ohne zu wissen, wie das Original schmecke. Man müsse ja noch nicht mal etwas für diese Kostprobe bezahlen.

Nein, bezahlen musste man nichts. Aber man durfte. Und dies war der andere spannende Aspekt dieser Aktion: Genauso überfordernd, wie selbst ein Fasnachtschüechli herzustellen, tat es viele Passanten, nicht mit einer genauen Angabe über den Preis dieser Köstlichkeit informiert zu werden. “Dann teilen wir halt eins.”, sagte da beispielsweise eine junge Dame, deren Freund vergeblich aus den Gastronauten herausbekommen wollte, was es denn Koste, zwei davon zu kaufen.”

“Was ihr denn mit euren Einkünften macht?”, wurden die Gastronauten gefragt.

Die Antwort: “Wir bauen als nächstes eine Food Porn Cabin. Be prepared!”


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