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Gastronautik. Edition: 1 – Ein Buch

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Vorwort

Bei Edition: 1 geht es um Gastronautik: Es geht darum das Kochen, Essen, Servieren, Konsumieren und die vielen weiteren Teilprozesse, die meist in der Nahrungsaufnahme enden, zu studieren.
Sie werden und wurden studiert, nicht um noch höhere Genüsse, noch komplexere Geschmäcker zu erhalten. Die Prozessteile werden studiert, um auszuloten, worauf ihre Reize einwirken. – Denn nur auf Mund, Auge und Nase, tun sie das nicht. Gastronaut ist der, der glaubt, Essen sei mehr als gut kombinierter Geschmack und Geruch und nach diesen anderen Essmomenten sucht. Er versteht unter Essen immer beides: das Essen und essen. Essen ist immer Prozess, nie die blosse Speise. Essen ist nur existent wenn es verwendet wird.

Rausch versus Sensorik als Esshaltungen

Der Gastronaut muss eine kulinarisch nüchterne Position einnehmen können. Er geht bei einer Exkursion nie vom persönlichen, kulinarisch-ästhetischen Geschmack aus. Er setzt seine Sensorik und seinen Intellekt dazu ein, Essen analytisch zu betrachten. Er beobachtet, um objektiv schmecken, riechen, etc. zu können.
Fondue ist in erster Linie ein Topf mit geschmolzenem Käse und wenigen anderen Zutaten, in den man bei Tisch gemeinsam Brotstücke tunkt und Alkohol dazu trinkt: Das schmeckt hervorragend, aber zum eigentlichen Erlebnis machen es die, die das Fondue essen: Indem sie es essen, wie sie es essen. Diese Metaebenen von Genuss findet der Gastronaut spannender als geschmolzenen Käse an sich. Weil der Gastronaut beobachtend schmecken kann, lenkt ihn der Käse davon nicht ab.
Wer sich gastronautisch betätigen will, muss aber neben der objektiven Position auch eine ekstatische und im „Genuss“ verankerte Position einnehmen können: Denn neben Wirkungsebenen sozialer und kommunikativer Natur sucht der Gastronaut auch nach überwältigenden Momenten und grossen Bildern. Um solche Momente zu begreifen oder gar zu untersuchen, muss er sich ihnen manchmal hingeben. Nüchternheit isst da unangebracht.

Das Essen, die gastronautische Sprache

Bei Gastronautik geht es darum, Prozessteile wie Tisch, Nase, Mund, Haut, Gabel, Hirn zu dekonstruieren und neu zusammenzusetzten. Angewandte Gastronautik wie in Edition: 1 betrachtet Essen als Bausatz und verbindet dessen Inhalt neu. Sie kocht nicht primär, um Genuss zu erzeugen. Gastronautik kocht, um Essen als Sprache zu benutzen, um damit etwas zu erzählen.
Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Man kann das beispielsweise mit traditionellen und rituellen Methoden wie bei einem Fondue tun. Aber auch wenn man sich zum Dessert mit einer sterilen Stechhilfe einen Tropfen Blut aus dem Daumen drückt, erzählt man mehr als den Verzehr von Blut.
Gastronautik erkennt dieses Potenzial und nutzt das Essen als Medium. Sie sondiert dessen Erzählmöglichkeiten und macht sie gestaltbar.
Sie will Gefühle, Pathos, Haltungen, Sphären erzählen. Gastronautik kann aber auch konkrete gesellschaftliche, politische, persönliche, philosophische Themen behandeln.
Essen ist ein Reiz der Sinne und eine Sprache wie Musik. Und wie der Musik, wohnt auch dem Essen eine gewisse universelle Verständlichkeit inne. Weil es jedoch meistens auch eine physiologische Bedingung erfüllt, hat es das Essen in seiner Geschichte bisher nur selten geschafft, mehr zu thematisieren als die Speise selber. Und wenn, dann meist in rituellen Kontexten.
Die Gastronautik entdeckt, erfindet und tischt solche Essmomente auf, die mehr thematisieren, als nur ein Nahrungsmittel. Denn in der Gastronautik wird Essen zur Sprache.

Tiefenbohrung und Experiment

Bei Gastronautik geht es nicht um Genuss. Gastronautik weiss, dass die Zeichensprache, die wir geniessen und schätzen, zu eindimensional ist, um komplexe Geschichten zu erzählen: Kräuter, die gut kombiniert sind; Fleisch, das auf den Punkt gebraten ist und ein interessantes Aroma genügen nicht, um mehr als den Sinneseindruck als solchen zu erzählen. Deshalb erweitert die Gastronautik das Essen in ständiger Auseinandersetzung, um die gastronautische Sprache zu befähigen, ein Gespräch zu führen.
Diese Suche nach der gastronautischen Sprache und deren Vermittlung muss auf einer elementaren, gourmetischen  Ebene geschehen: Wissen um Produkte, Verfahren, Vokabular, Sensorik et cetera. Aber noch viel mehr richtet Gastronautik ihre Scheinwerfer auf kulinarische Metaebenen: Wie? Mit wem? Warum? Warum nicht? Wobei? Woher? Geht noch einer? Worüber? Worin?
Bei der Gastronautischen Gesellschaft geht es darum, auf experimentelle Weise, gastronautische Gestaltungsmöglichkeiten zu finden, um das Essen seiner Eindimensionalität zu entheben. Es geht darum das Essen zu einer sprech- und gestaltbaren Sprache zu machen. Es geht darum, im Sinne einer Schule, den Beruf des Gastronauten exemplarisch zu lernen. Es geht darum, im Sinne der Schweizerischen Verfassung, die Vielfalt des Essens in Einheit zu entdecken. Es geht darum, Menschen zu befähigen: Wir werden neu, anders und bewusster essen. Denn mit jedem Bissen essen wir die ganze Welt.

Bon Appétit.

Edition1


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