Culinarium-Licht-005

Von Glühbirnen und anderem Lichtobst

Der Schatten der Nacht des frühen Dezembers und seinen eilenden Dämmerungen füllte den Raum des Geschehnisses. Die Internationale Gastronautische Gesellschaft lud zu einem kulinarischen Experiment. Auf dem Teller soll Licht serviert werden das die Speiseröhren und Mägen der Gäste erhellt. Die dynamische Beleuchtung von Speisen und deren Auswirkung auf unser kulinarisches Empfinden war Gegenstand der Untersuchungen. Sechs Qualitäten von Licht, raffiniert kombiniert mit sechs Gängen stellte die Versuchsanordnung dar. Am Anfang dunkel. In der Mitte hell. Am Ende wieder Dunkel.

zeitversiegelung.ch

LICHT ESSEN: Der Raum ist abgedunkelt, ein keilförmiges Kerzenmeer brennt. An dessen Ende droht ein Ventilator mit Wind und Schatten. Die Gäste nehmen Platz an schwarz gedeckten Tischen, ein essbarer Silberstein grüsst aus der Küche. Es ist das letzte Wochenende im November: Die Zeit den jungen Beaujolais einzuschenken. Ein Gastronaut tritt auf. Mit einem langen Streichholz beleuchtet er sein Gesicht. Er kündet den Ersten Gang an, bläst sein Streichholz aus und drück des Ventilators Schalter: Wind kommt auf, Kerzen erlöschen. Dunkelheit. In einer ausgehölten Räbe wird eine leise glimmende Suppe serviert. Sie duftet nach vergangenem Sommer. Glühwürmchen schwimmen munter glühend darin umher. Jetzt werden Hellraumprojektoren aufgetragen. Darauf angerichtet, auf durchsichtigen Tellern, ein bunter asiatischer Nudelsalat. Das Essen wird zur Projektion. Essen wird zu Livebild und Bewegung. Die Gabel wird Pinsel –  Edamame und Carambole die Schauspieler. Säfte sind Farben: Der Gast ist der Künstler und die Augen essen für einmal mit.

Nebel kommt auf. Die Projektoren werfen surreale Lichtstreifen in den Dampf. Eine grosse Diskokugel wirft Strahlen. Wir essen Disko-Romanesco auf Granatapfelguacamole und fühlen uns wie Hoffman auf dem Nachhauseweg.

Gleissend heisst das Nächste Licht. Aus einem Duzend Fluter wird mit gelbem Sonnenlicht der folgende Gang geblendet. Leichter Nebel liegt noch immer in der Luft. Es riecht nach Frittiertem Mais und geräucherter Quitten-Pepperonata. Es ist die Sonne des Südens mit ihrem Temperament.

Blenden ist nicht gleich blenden: Ein halbes Duzend Schwarzlicht-Röhren sind mindesten so intensiv für’s Auge, wie die Brüder aus der Fluter-Brigade. Sie lassen ein Mandelpudding in Neon-Gelbem Licht erstrahlen. Dazu wird der Besucherschaft ein weisser Glühwein im Suppenteller serviert. Ein kleines Gläschen Riboflavin-Lösung erhält man dazu. Damit kann jeder in seinem noch dunklen Teller für Fluoreszenz-Explosionen sorgen. Ein kulinarisches Spektakel der Superlichtive.

Die Kerzen werden jetzt wieder angezündet. Dann die Projektoren. Die Diskokugel. Die Fluter. Das Arbeitslicht. Der letzte Gast ist bereits in die Winternacht entflohen.


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