IMG_1862bearb

Vom Foodporn zur Kabine

Der Begriff Foodporn:

Foodporn bezeichnet die glorifizierende Darstellung von Lebensmitteln in Werbung und vorallem in sozialen Medien. Wie beim Porno ist eine gewisse Übernatürlichkeit oder Nichterreichbarkeit für den normalen Menschen existentieller Bestandteil der Food Pics. Die unmittelbare Lust, das Dargestellte auch haben zu wollen, soll hervorgerufen werden. Dies gekoppelt mit Neid auf den Fotografen, der, zumindest im Bereich der Sozialen Medien, Besitzer der Ware war. Eine Provokation des Betrachters findet satt, wobei gleichzeitig der Status des Vermittlers erhöht wird.

Wie beim herkömmlichen Porno, hat der Food Porn die Qualität, dass das Bildmaterial, zumindest in unmittelbarere Zukunft, nicht verfügbar ist. Sei es aus finanzellen Gründen, wegen technischer Unfähigkeit, weil die benötigten Zutaten nicht verfügbar sind oder weil aus diätmoralischer Sicht das Gezeigte nicht in Frage kommt.

Der Begriff Food Porn scheint erstmals von der Feministin Rosalind Coward 1984 in ihrem Buch Female Desire erwähnt worden zu sein. Sie Schreibt: „Cooking food and presenting it beautifully is an act of servitude. It is a way of expressing affection through a gift… That we should aspire to produce perfectly finished and presented food is a symbol of a willing and enjoyable participation in servicing others. Food pornography exactly sustains these meanings relating to the preparation of food. The kinds of picture used always repress the process of production of a meal. They are always beautifully lit, often touched up.“ (s. 103)

„Im Food Porn spiegeln sich aktuelle Trends: der Hang zu einer idealisierten Dokumentation der Realität, die als Ersatz für die Realität dient und mehr verspricht, als die Realität selbst halten kann“, erklärt Okke Schlüter, Professor für Mediapublishing an der Stuttgarter Hochschule für Medien. „Die Fotos von Hobbyköchen resultieren aus den technischen Möglichkeiten der Verbreitung, sind aber auch dem Bedürfnis der Nutzer geschuldet, sich über eigene Beiträge zu präsentieren, bisweilen zu profilieren“, so der Medienexperte weiter.

„All deine köstlichen Träume und verbotenen Fantasien werden hier erfüllt“ – Das verspricht der US-amerikanische Blog Foodporn.com. Unter der Subkategorie „Amateur“ verbergen sich Bilder von Selbstgekochtem, unter „Table Dance“, die Lieblingslokale von Bloggerin Chantrelle. Klickt man auf „Hardcore“ landet man bei Pilzfotos und Rezepten für Pilzgerichte. „Hardcore daran ist, dass wir die Pilze selber sammeln“, erklärt Chantrelle auf ihrem Blog “und das ist in Kalifornien fast überall verboten.”

Die Kabine

Die Food Porn Cabin ist eine Kabine in der Grösse einer Telefonzelle. Elegant ist sie mit rotem Leder ausgekleidet, ein Samtvorhang sorgt für Diskretion. Im Innern ist ein höhenverstellbarer Hocker angebracht, an der seitlichen Wand hängt ein Taschentuchspender, in Mundhöhe prangt ein Bildschirm. Der Bildschirm zeigt lustvoll in Szene gesetzte Lebensmittel. Vor dem Bildschirm ragt ein roter Buzzer aus dem Boden. Der Duft von Gebäck liegt in der Luft, dafür sorgt ein unsichtbarer Duftspender.

Gefällt dem Voyeur ein Bild besonders gut, kann er dies mittels Drücken auf den roten Knopf zum Ausdruck bringen: Ein Lustgeräusch ertönt, auch von Aussen ist es zu hören.

Auf den ersten Blick wird mit der Food Porn Kabine das Phänomen Foodporn stigmatisiert. Die Esswaren werden zu einer reinen Formsache erklärt, die, wie auf Facebook, mit einem Button gelobt werden können oder eben nicht. Als Benutzer muss man dazu Stellung beziehen, in dem man ein Geräusch erzeugt, welches von Aussen hörbar ist. Ist kein Geräusch zu vernehmen, kann es sein, das man als Langweilig empfunden wird, hört man von Aussen ein Stöhnen ist man allenfalls Obszön?

Die einzige Möglichkeit für den Betrachter, sich einer Wertung eines anderen Betrachters zu entziehen, liegt darin, die Kabine erst gar nicht zu Betreten. Dann allerdings weiss man auch nicht was darin passiert. Wie bei Facebook. Und auch das ist ein Statement.

Ein Abfalleimer fehlt in der Kabine. Nach dem Drücken des Buzzers, ist die Neugier jedoch gross, zu erfahren, ob beim Beziehen eines Taschentuchs ebenfalls eine Reaktion des Objekts ausgelöst wird. Dies ist nicht der Fall. Wieder ist der Insasse gezwungen ein direktes oder indirektes Statement abzugeben. Entweder, er schmeisst das Taschentuch auf den Boden und überlässt so dem nächsten Benutzer die Frage ob daran wohl wirklich Speichel klebt oder er verlässt mit dem Taschentuch in der Hand die Kabine und wird zum lüsternen Konsumenten. Oder er versteckt das Taschentuch in seiner Tasche und verheimlicht sein Handeln gegenüber Aussenstehenden, wird aber später, wenn er das Taschentuch wieder findet, mit seiner Scham konfrontiert.

»Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen«, stickt Daniel Spoerri auf ein Küchentuch. Ob er damit Food Porn meint und eine konservistische Art des Bestehens. Oder ist es der feste Glaube daran, dass die Leute immer weiter kochen werden, solange wie sie sich fortpflanzen. Ob vielleicht gerade das lustvolle Betrachten zu einem neuen Umgang mit einem Medium führt: Ging nicht auch mit dem entstehen der Pornoindustrie die sexuelle Revolution einher?

Auf den zweiten Blick, findet in und um die Food Porn Cabin ein digitale Verdauung statt: Was bedeutet es, muss man sich bei genauerem Nachdenken fragen, dass ich hier in einer Kabine sitze, die Essen zeigt, welches, bevor es auf diesem Bildschirm gelandet ist, von einer Digitalcamera fotografiert wurde, danach auf Facebook publiziert worden ist um abschliessend wieder aus dem Internet heruntergeladen zu werden, damit ich jetzt hier dazu angeregt werde ein konserviertes Geräusch des Wohlbefindens mittels eines roten Knopfes auszulösen? Wie oft wurde dieses Bild wohl schon verdaut? Wie viele Dickdärme kann das Internet haben? Was wenn ich der Blinddarm bin? Hat das Internet Verdauungsgase?

Hier gehts zu den Bildern


Teile das:
facebooktwittergoogle_plusmail

Folge uns:
facebooktwitteryoutube