Culinarium-Application

Application – Wie kommt’s in den Mund?

Hast du dir schon mal Aroma auf die Zunge gepinselt? Und wenn ja, war das eine Grundierung oder eine Lasur deiner Geschmacksknospen?
Das zweite Culinarium der zweiten Dekade widmet sich der Frage der Applikationsmethode des Essens in den Mund. Dazu präsentiert die Gastronautische Gesellschaft im Carambolage 15 verschiedene Vorschläge in Form kleiner Gänge. Grundausstattung jedes Tisches ist ein Set aus drei verschiedenen Gläsern mit drei verschiedenen aromatischen Saucen. Jeder Gast erhält einen Pinsel und ist aufgefordert, während des Essens sich hin und wieder die Zunge vor oder nach einem Bissen zu grundieren, respektive zu lasieren. Schön hierbei zu beobachten, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfallen, sich mit seinen Tischgenossen die Zungenpinsel ins gleiche Töpfchen zu stecken.

Aufreissen und Knabbern

Eine eingeschweisste Portion Grissini liegen neben dem Gastronauten-Pinsel bereits auf dem Tisch bereit. Wie oft beim Italiener, speziell im Piemont, wird der heutige Abend mit Knabbern eingeleitet. Knabbern, das ist per Definition, etwas Hartes, durch abbeissen kleiner Stücke, verzehren. Gewisse Säugetiere übrigens, signalisieren durch Knabbern an Artgenossen gegenseitige Zuneigung. Das Pferd zum Beispiel.
Eine nicht ganz unwesentliche Applikationsmethode die mit dieser ersten Knabberei einhergeht ist das Aufreissen. Ein nicht unerheblicher Teil aller Lebensmittel die wir zu uns nehmen, wird unmittelbar vor dem Verzehr aufgerissen. Stellt sich also die Frage ob Aufreissen lecker ist und wenn ja, welche Verpackung am leckersten aufgerissen werden kann?

 Fressen

Die wenigsten Arten benutzen ausser des Kopfs noch weitere Extremitäten zum Verzehr von Lebensmitteln. Wir Menschen benutzen zum Essen immer ausser dem Kopf auch noch die Arme.
Für die zweite Vorspeise ist jeder Gast aufgefordert, zu Essen wie es zum Beispiel die Hunde tun: Kopf zum Teller und den Mund auf. Der Vorteil hierbei: die Nase ist nah am Gericht und kann die Gewürze, in diesem Falle Zimt und Oregano, mitverspeisen. Schwierig hierbei scheint für viele zu sein, den Reflex zu unterdrücken, den Teller mit den Händen anzuheben, zu kippen oder einfach nur anzufassen.

 Füttern

Nach dem Saugen ist gefüttert werden die zweite Methode der Nahrungsaufnahme eines Menschen. Wir füttern uns heute Abend mit Italienischen Sardinen und einem Blatt Radicchio Trevisano.
Den einen macht das Füttern und Gefüttert werden grossen Spass, die anderen sind in ihrem Intimitätsempfinden verletzt, verspeist man beim Füttern doch fast auch den, der einem füttert. Und nicht ganz einfach ist es, so gefüttert zu werden, dass man den Finger des Fütterers nicht mit den Lippen berührt. Bleibt jedem die Frage, wer wessen Finger ablecken darf?

Ploppen

Das ploppen ist eine Methode die es so kaum gibt. Geploppt wird dann, wenn durch drücken auf zwei Flächen, eine meistens runde Sache in Bewegung gebracht wird. Einen Pingpong-Ball können wir beispielsweise aus unserer Hand ploppen. In dieser Disziplin wird sogar eine Weltmeisterschaft abgehalten. (Distanzrekord 2006, 14,4m)
Wir ploppen uns heute Japanische Sojaschoten, respektive deren Inhalt in den Mund. Sich selber, anderen oder quer durch den Raum geploppt, schmecken sie lauwarm und mit grobem Meersalz bestreut vorzüglich und am besten mit Champagner.

Spritzen

Spritzen gibt es kulinarisch eigentlich noch nicht. Deshalb hat die Gastronautische Gesellschaft eine Randen-Meerettichsuppe mit Honig auf Blasenspritzen (50ml) aufgezogen und serviert. Herauszufinden ist, wie die Suppe optimal zur Geltung kommt: Durch kleine starke Spritzer? In einem regelmässigen Fluss? Mit der Kanüle direkt im Mund oder mit Abstand durch die Luft? Den Mund erst überfüllen um dann vor dem Schlucken wieder einen Teil Absaugen?

Schlürfen

Schlürfen hat denselben Wortstamm wie seufzen. Und eine bestimmte Molluske bringt manch einen zum Seufzen: die Auster! Wir schlürfen als nächstes also eine Auster und seufzen innerlich ob des Aromas. Was wäre eine Auster wert, wenn sie vor dem Essen bereits aus der Schale genommen worden wäre und wir sie mit einer Gabel von einem Teller essen müssten?

Nagen und Angeln

Im 16. Jahrhundert  konjugierte man Nagen wie Tragen. Der Gast nägt also zum achten Gang einen Hühnchenflügel mit Haselnusskrokant und Balsamicomarinade ab. Schon lecker, wenn die Finger voller Sauce sind. Und auch lecker, diese zuerst mit der Zunge und dann mit einem dampfendheissen Tuch zu reinigen. Dazu gibt es einen Büschel gedämpfter Barba di Frate. Dieser ist an den Stielenden zusammengebunden und mittels einer Schnur soll man ihn sich in den Mund angeln. Schöne Methode, nach etwas baumelndem zu schnappen. Vor allem wenn’s keinen Haken hat.

Saugen und Brot essen

Das Saugen ist einer der unbedingten Reflexe. Jeder hat ihn bis zum ersten Lebensjahr. Der Reflex wird ausgelöst, wenn die Lippen oder die Zungenspitze eines Säuglings berührt werden.
Das Brot seinerseits ist eines der unbedingten Lebensmittel und es ist eine ganz einzigartige Applikationsmethode sich eine Scheibe in den Mund zu schieben. Leider fehlt das eigene Verb.
Wir haben also an einem Beutel, gefüllt mit Avocadosmousse, gesaugt und uns dazu Brot in den Mund geschoben. Lecker.

 Gurgeln und Strohhalmsaugen

Das Gurgeln ist kulinarisch noch inexistent obwohl es einen sehr schicken Begriff dafür gibt: Gargarisieren.
Nachdem wir eine Basilikum-Bouillon durch einen Strohhalm in unsere Münder gesaugt haben, haben wir diese schön gemeinsam gargarisiert. Klingt toll. Es wird eine Zeit kommen, wo ein gepflegter Esser im Restaurant fragen wird: „Kann diese Suppe auch gargarisiert werden?“

 Schieben

Das Schieben ist der Klassiker unter den Applikationsmethoden. Die meisten Menschen tun dies mittels Ess-Stäbchen. Viele auch mit Löffel und Gabel. Mit der Gabel allerdings erst seit 200 Jahren.
Einen Pilzrisotto haben wir uns mit Messer und Gabel in den Mund geschoben und mittels Stäbchen gebratene Pilze hinzugefügt. Schmatzen war erlaubt.

Lecken

Was leckt sich besser als süsses? Und ist es nicht eine schöne Gewohnheit, sich gegenseitig ein Eis am Stiel zum Probieren zu geben. Wir lecken zum Dessert also entweder ein wunderbares Cassis-Eis oder ein ebenso gutes Aprikosen-Eis der Gelateria unseres Vertrauens und probieren beim anderen fleissig mit.
Margaret Thatcher war übrigens massgeblich an der Entwickung des Soft Ice als Chemikerin beteiligt, bevor sie Politikerin wurde.

Werfen

Die meisten tun’s mit M&Ms: Sich Lebensmittel werfend applizieren. Wir tun es zum Kaffee mit drei kleinen Nusspralinen. Eine Applikationsmethode mit sportlicher Note. Je höher und weiter du Wirfst, desto leckerer ist die Praline und ein bewunderndes Raunen begleitet den Genuss. Applaus als Appetitförderer quasi.

Culinarium-Application-027

Tropfen

Espresso und Rum aus Martinique tropfenweise verabreicht zu bekommen ist ein verblüffendes Geschmackserlebnis. Der Rum und der Kaffee  fallen als Tropfen auf die Zunge und breiten sich von ihrem Auftreffpunkt langsam auf die Zunge aus um sich irgendwo zu überlagern. Unbedingt mit allem möglichen ausprobieren.

Lutschen

Auf den Nachhauseweg gab einen Lutscher. Gewissermassen die applikatorische Mischung aus saugen und lecken. Wieso man in mancherlei Restaurants mit der Rechnung ein schlechtes Bonbon bekommt, wissen wir allerdings nicht. Bei der Gastronautischen Gesellschaft wird es das nur heute geben. Aber ein gutes.


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