Haut-006

Die Haut isst mit!

 

Wir präsentieren Ihnen hier ein historisches Fundstück aus dem Jahre 2037. Damals gab es eine kulinarische Institution, die „Genusswache“ genannt wurde. Es ist nur sehr wenig dazu überliefert.
Das Dokument ist offensichtlich der Bericht von einer Kontrolle über eine sogenannte gastronautische Veranstaltung. Es handelte sich bei der Veranstaltung um eine illegale Geniessung. Die Forschung hat zu Tage geführt, dass am 20. Februmai 2037 mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Event aus den frühen Zehnerjahren des Jahrhunderts neu inszeniert wurde. Man erinnerte sich damals gerne an die Zehnerjahre, denn dann war geniessen zu weiten Teilen steuerfrei und uneingeschränkt. Vermutlich haben die Veranstalter von 2037 eine damals schon verbotene Organisation namens „Internationale Gastronautische Gesellschaft“ verehrt und deren Erfindungen imitiert.
Es gibt die Verschwörungstheorie, dass diese antieffiziente Organisation bis heute im Untergrund existiert und illegal geniesst.

Der folgende Text wurde vom Deutschen v1.3 mit Hilfe von Google Translate zur aktuellen Sprache upgedatet.
Kontrollbericht

Basel, der 20. Februmai 2037, hoheitliche Kontrolle im Lokal 4b

Es geht um ein Abendessen. Mittwoch. Wir haben uns angemeldet und kommen um halb acht im Lokal an. Es soll hier mit der Haut gegessen werden, haben wir gehört und wir wollen sicherstellen, dass dies im Interesse unserer Organisation ist. Wir sind eine Gruppe von Genusswächtern und müssen in Erfahrung bringen, ob eine Veranstaltung wie diese als Genuss verkauft werden darf oder ob sie mit ihrer Durchführung gegen irgendwelche Protections, Origins, Maisonsfondeen oder ganz allgemein gegen guten Geschmack verstösst. Im Zweifelsfall müssen wir die DOCXOPIPsussie informieren oder die Veranstaltung sprengen.
Wir treten also ein und werden gebeten, die Schuhe auszuziehen und die Hände zu waschen. Wir setzen uns auf einen Stuhl an einen Tisch. Mit einer koffeinhaltigen Gurkenbrühe, die sich kalt aber frisch anfühlt, werden unsere Füsse gewaschen. Eine geheimnisvolle Person malt währenddessen jedem Gast mit Henna das Symbol des Magendarms auf den Puls und verziert die Zeichnung mit etwas Blattgold. Wir haben den Verdacht, dass es sich bei der Malenden um Fictione Mei handelt. Wir wollen das überprüfen und sammeln etwas MDNA zur späteren Sequenzierung. Barfuss müssen wir uns setzen. Die Füsse betten wir dazu in Holzwolle. Sie kitzelt und es fällt uns schwer nüchtern zu bleiben.


Eine Yogalehrer tritt plötzlich auf und weisst uns an, das Gesicht auf spezielle Weise zu massieren. Wir kneten Wangen, Stirn, Kopfhaut und werden dabei nur kurz unterbrochen, um ein Gläschen entgegenzunehmen. Es enthält eine leichte, aber raffinierte Variation jenes Modecocktails aus Paris, der in aller Munde ist und den Namen „le chien mal“ trägt. In einem Zug soll das Gläschen getrunken werden. Es entwickelt beim Schlucken eine lustige Geschmacksabfolge: Sie beginnt die mit müsüss, wird dann sauerplus, um am Ende ultimativ reinbitter zu werden. Dabei steht jemand hinter einem, der auf unseren Hinterköpfen ein leeres aber intaktes Ei zerdrückt. Unser ganzer Körper scheint für einen Augenblick eine Eierschale zu sein.
Nun wird eine Forelle aufgetischt und auf das abklingende Eierschalen-Gefühl folgt tiefe Ruhe.  An jedes Handgelenk wird uns widerspruchslos eine gekühlte Zitronenhälfte gebunden. Wir ruhen geistig im Fisch vor uns und lassen erquickende Zitronensaft-Tröpfchen aus unseren Handgelenken auf den Fisch träufeln.
Das ist alles nur Vorbereitung, werden wir informiert. Jetzt erst fängt die Veranstaltung an.
Man bittet uns, die untere Rückenpartie zu entblössen. Ein warmes, feuchtes Päckchen wird uns auf den Rücken gelegt und mit einem roten, sehr breiten Samtband befestigt. Eine Schale Feuersuppe, die wir langsam essen sollen, wird dargereicht. Es brennt ein bisschen im Mund, doch nur wenig und fast sind wir etwas enttäuscht. Doch langsam fängt der Rücken an warm zu werden und die Suppe scheint plötzlich schärfer. Schliesslich weiss man nicht mehr, woher das Gefühl der Schärfe kommt und  alles zwischen Mund und Kreuz wird zu einem einzigen Chili-Erlebnis. Schweiss tritt aus allen Poren. Es fehlen die Worte.
Von kaltem, sehr fein versprühtem Karottentee werden wir erlöst: Wie Morgentau fällt er auf unsere erhitzten Körper. Langsam beruhigt sich unser Atem, während wir einen gefrosteten Salat aus blanchiertem Fenchel, Fenchel-Fenchel-Samen und Orangen-Filets zu uns nehmen.
Jetzt findet die Huldigung statt, sagt man uns, als wir wieder abgekühlt sind. Dies gehöre zu jeder Hautmahlzeit dazu. So entschuldige sich das Besteck, das so lange im Weg stand, bei der Haut. Eine Entschuldigung der Gabel, die solange den Kontakt von Haut und Speise verhinderte. Wir erhalten dafür einen Flacon Lavendelöl, womit wir unsere Hände marinieren. In die Rechte gibt man uns eine Gabel und in die Linke schöpft man uns Limonen-Nudeln. Die Gabel muss damit die Haut unserer Handinnenfläche massieren und ihr Genugtuung verschaffen.
Dies alles stimmt uns traurig. Wir realisieren, dass wir, und mit uns die ganze Menschheit, seit langer Zeit etwas verpasst haben. Uns ist die Haut entgangen. Drei Mal täglich. Wir legen unsere Köpfe in den Nacken und schluchzen zur Decke.
Wie wenn das alles geplant gewesen wäre, werden uns tröstende Gurkenscheiben auf die Augen gelegt und Streifen von Karotten auf unsere von Tränen feuchten Wangen. Man gibt uns eine weichgekochte Szechuan-Karotte in die Hand und füttert uns mit warmem Rindsragout. Mit einem weichen Pinsel werden unsere Gesichter getupft und unser Mitleid mit der Haut und die Trauer sind vertrieben.
Fast sind wir schon wieder ausgelassen, als uns ein alter Mann in einem Malerkittel einen Streifen Karamell auf den Unterarm pinselt. Er bestreut ihn mit Salzedel und setzt drei verschiedene, leuchtende Kandisfrüchtchen drauf.
Mit klopfendem Herzen und auf eine seltsame Art erleichtert lecken wir das Karamell von unseren empfindsamen Armen.
Wir fühlen uns geläutert und irgendwie verbunden mit uns selber. Es wird uns empfohlen unseren Bauch mit Kümmelöl einzureiben. Dazu würde uns, wenn wir denn wollen, eine Stechhilfe und eine Praline dargereicht werden. Mit diesem spitzen Gegenstand können wir uns einen Tropfen Blut aus der Fingerkuppe entnehmen und zur Praline verzehren.

An dieser Stelle bricht der Text ab. Vermutlich wurde er während des Essens automatisch generiert. Nur wenn der Wächter seine Kommunikationseinheit zerstört, bricht die Aufzeichnung und Sendung ab. Dies würde die Theorie stützen, dass die Wächter selber zu Untergrundkämpfern wurden. Dokumente belegen, dass jedes Mitglied des Kontrolltrupps nach diesem Essen spurlos verschwand.
Über den Account vom Kontroll-Leiter wurde wenige Stunden später dieser Text gepostet. Mehr weiss man nicht.

Arme Haut. Seit ewig schielt sie neidisch von allen Seiten auf das Auge, auf die Nase, auf den Mund. Arme Haut. Vom Tisch verbannt, schaut sie hungernd zu, wie Leckereien mittels Besteck und Serviette von ihr ferngehalten werden. Tagtäglich muss sie den Stiel einer kalten Gabel berühren, während der Nase Düfte entgegenströmen, das Auge sich an Garnituren ergötzt und der Mund mit seiner Schleimhaut, dieser Verräterin, köstliche Dinge schmeckt.  Zwei Mal pro Jahr in irgendein Thermalbad gelegt zu werden, ist da noch lange keine Entschuldigung. Die Haut ist fast etwas sauer, denn sie fühlt sich verkannt. Was wäre es doch für einen Beitrag an ein episches Abendmahl, wenn ein Dessert, anstatt vom Teller, vom Unterarm gegessen würde. Üble Zeitgenossen und Feinde der Haut, diese Teller. Wie lecker und feinsinnig es doch wäre, wenn die Gabelzinken die Innenseite der Hand kitzeln würden, beim Aufrollen von Nudeln. Und wie zynisch ist es für die Haut, wenn hin und wieder die Schleimhaut auf dieser Zunge einen Teller ablecken darf. Begreift denn niemand, denkt die Haut, dass die Zunge ein Betrüger ist. Sie tut so, als wäre es das normalste der Welt, das Tasting-Monopol zu haben. Und die Augen schauen ungerührt zu


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